Der Tod eines Fans…Pleiten & Pannen, die neue Stadion-Knigge und die Rolle der „4. Gewalt“ in dieser Geschichte

Seit den schrecklichen Ereignissen letzten Sonntag am Ufer des Manzanares herrscht bei den Verantwortlichen in Sport und Politik hektisches Treiben. Alles was bisher als „alltäglich“ abgetan wurde, erregt nun die gesamte Öffentlichkeit. Alle wussten von der Verbindung der Klubs zu den Ultragruppen, von der materielle Unterstützung für sie, dass damit wurde sich in den Stadien eine bessere Stimmung erkauft wurde, von den Freund- und Feindschaften innerhalb der Szene.

Beerdigung Jimmy

(Die Riazor Blues begleiten Jimmy’s Sarg/Foto:FB)

Inzwischen sind sechs Tage seit dem tragischen Match zwischen Atlético und den Galiziern aus A Coruña vergangen und die Mörder von Francisco Javier Roberto “Jimmy” Taboada wurden immer noch nicht ermittelt. Und an Teile der ursprünglich veröffentlichen Fassung der Ereignisse müssen dicke Fragezeichen gesetzt werden und andere Teile sind schlicht und einfach wiederlegt worden.

CAP Jimmy

Zuerst fielen Legenden dieser Aktion durch ein Interview mit einem der Busfahrer im Radiosender COPE. Der Chauffeur bestätigte, dass, wie üblich, ein Unternehmen aus Lugo gebucht wurde, da in der gesamten Provinz A Coruña den Riazor Blues (RB) keine Fahrzeuge vermietet werden, da es in der Vergangenheit zu Verschmutzung und Beschädigung gekommen sein soll. Er selbst habe die Gruppe schon häufiger ohne Probleme befördert. Im Gegenteil sollen die RB pflegeleiche Fahtgäste gewesen sein. Auf die Frage, ob er nicht bemerkt habe, dass die Ultras Waffen wie Eisenstangen und Baseballschläger mitführten, verneinte er jegliche Waffen gesehen zu haben und der Kofferraum wäre gar nicht erst geöffnet worden. Die ebenso geheimnisvollen „Spähfahrzeuge“ waren wohl zwei PKW’s.die die Busse auf der letzten Raststelle vor Madrid empfangen haben und diese dann auf dem besten Weg Richtung Calderón, in ein Gebietes, das als „Madrid Rio“ bekannt ist, lotsten. Danach habe er gar nichts mehr gesehen, da er auf einem 2 km entfernten Parkplatz mit seinem Kollegen die vorgeschriebene Ruhepause einlegte.

Hier das vollständige Interview (ca. 4:30 min): http://www.cope.es/player/Entrevista-a-uno-de-los-conductores-que-trajo-a-los-Riazor-Blues-En-ningun–momento-vimos-barras-de-hierro-ni-armas-blancas-Nosotros-ni-siquiera-abrimos-el-maletero-para-meter-bolsas&id=2014120118100002&activo=10

Ebenfalls noch am Montag erklärte die Pressesprecherin der Polizeigewerkschaft SUP Galiziens, die nicht direkt suspekt sein sollte als vermeidliche Ultra-Unterstützerin, dass von ihrer Behörde am Donnerstag vor dem Ligavergleich eine Mitteilung an die „Comisión Anti-Violencia“ nach Madrid geschickt wurde in der von 50 RB’s die Rede ist. Auch der Verein selbst, wie EL PAÍS berichtete, informierte rechtzeitig aus eigenem Antrieb die Polizei, dass die Ultras zu reisen beabsichtigten. Wie im Laufe der Woche bekannt wurde, fiel die turnusmässige Sitzung hinsichtlich des Sicherheitskonzeptes zwischen den Vereinen aus. Lediglich die Madrider Polizei und der Zivilschutz tagte zu diesem Spiel. Genau die 15 Minuten, die am Mittwoch vergangener Woche die Halbzeitpause beim CL-Spiel der „Colchoneros“ dauerte.

Am Dienstag fand dann in A Coruña die Beisetzung von „Jimmy“ statt, an der auch der Ex-Depor-Präsident Augusto César Lendoiro teilnahm.Lendoiro, der als PP-Politiker eigentlich nicht zum linksextremistischen Umfeld zu zählen ist, hatte trotz dieses offensichtlichen Antagonismus eben aus „Vereinstreue“ lange Zeit die RB unterstützt. Die Teilnahme an dieser Trauerveranstaltung kostete Lendoiro seinen Ehrenamt als „Int. Botschafter der LFP“. Deren Vorsitzender, Javier Tebas, entzog ihm nämlich diesen postwendend, als er davon Kenntnis erhielt.

Schon beim Abtransport des Leichnams kam es zu, teils handgreiflichen, Auseinandersetzung mit Medienvertretern und Fotographen. Daher haben die RB für heute Abend um 20h, zwei Stunden vor dem Anpfiff des Spieles von Depor gegen den Málaga CF eine Veranstaltung organisiert bei der auch der Presse dann Rede und Antwort gestanden werden soll.

Mani RB

(Demoaufruf der RB mit Einladung an die Presse; Quelle:FB)

Derweil gab es landesweit Solidaritätskundgebungen von „linken“ Ultras wie in Cádiz oder in Gasteiz („Vitoria“), wo die einheimische Ultra-Gruppe Iraultza 1921 (dt. Revolution 1921; Anmerk. des Verf.: 1921 wurde der Verein CD Alavés gegr.) für das Pokalspiel gegen den RCD Espanyol am Mittwoch ein Stimmungsboykott ausrief und die Fahrt zum Auswärtsspiel an diesem Wochenende nach Pontevedra absagte.

cadiz con jimmy

(Cádiz: Brigadas Amarrillas/Foto: FB)

Am Mittwoch dann wurden die 21 Festegnommenen von der zuständigen Untersuchungsrichterin vernommen und nach der Vernehmung wieder auf freien Fuss gesetzt. Der Staatsanwalt hat dagegen Widerspruch eingelegt und verlangt in neun Fällen die Verhängung einer Untersuchungshaft.

comunicado grupos antifascistas jimmy

(dieses Komuniqué unterzeichneten viele linke Ultra-Gruppen im Laufe der Woche/ Quelle:FB)

In ihren Vernehmungen sagten die RB aus, sie seien in einen Hinterhalt gelockt worden. Direkt beim Aussteigen aus dem Bus und in einer nahegelegenen Bar seien sie mit Messern bedroht worden. Daraufhin entfesselten sich die Tumulte. Als die RB den Ultras der Frente Atlético(FA) nachsetzten, stiessen sie schnell auf eine weitere zahlmässig viel grössere Gruppe der FA und wurden eingemacht. Ausserdem sei ein „Treffen“ mit der FA nicht verabredet worden. Die Polizei erschien übrigens erst rund eine 3/4-Stunde nach Beginn der Auseinandersetzungen vor Ort, dabei hatte sie Kenntnis von der „whatsup“-Mitteilung, die innerhalb der FA zirkulierte und nach Aussagen eines Augenzeugen, der eine 60-70 Leute starke, ganz in schwarz gekleidete Gruppe noch vor 8h morgens sah und die Polizei anrief, sahen diese Personen nicht nach Sonntagskirchgängern aus.

 

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(Indar Gorri (CA Osasuna) gestern in Miranda del Ebro. Auf dem Transpi steht: „Jimmy, Auf Wiedersehen und Glück!““ ( mein baskischer Ü-Setzer teilt mir mit, dass es sich hierbei um eine feststehende Redewendung handelt; Eskerrik asko, Iñaki Langarika); Foto: FB)

 

herri norte jimmy

(Herri Norte (Bilbao): Jimmy, R.I.P.; Foto:FB)

Am Donnerstag kam es dann zu einer eilig einberufenen Sitzung im Sportministerium, an der kurioserweise der Präsident des Verbandes, Miguel Ángel Villar, nicht teilnahm, weil er sich zu diesem Zeitpunkt auf einer Tagung der UEFA in der Schweiz befand, auf der ein 10-Punkte-Programm zur Verhinderung von Gewalttaten in und um die Stadien Spaniens‘ beschlossen wurde.

Die bedeutensten Ultra-Gruppen Spaniens:

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(Quelle der Grafik: Sare Antifaxista/Euskadi)

Eine erste Massnahme, die von der UEFA auf internationaler Ebene schon praktiziert wird, nämlich bei rassistischen, fremdenfeindlichen, zur Gewalt gegen eine bestimmte Gruppe aufrufenden Sprechchören, Transparenten oder Gesänge werden bei den folgenden Spielen die entsprechenden Blöcke gesperrt.

 

CAP Jimmy

(CAP Ciudad de Murcia; Foto:FB)

Sollte ein Verein eine als gewalttätig eingestufte Ultra-Gruppe in irgendeiner Form unterstützen oder deren Aktivitäten dulden, kann es zu Punktabzügen oder sogar zum Verlust der Spielklasse führen.

Die Profiliga LFP wird zu jedem Match einen Beobachter abstellen, der verbotene Gesänge, Fahnen oder Gesten protokolieren soll und neben dem Schiedsrichter und dem Sicherheitsbeauftragten des jeweiligen Heimvereins ein Dossier über evtl. Vorkommnisse erstellt.

Die Policia Nacional wird mit Unterstützung der Vereine einen Katalog derjenigen Ultragruppen aufstellen, die diesen neuen Verhaltenskodex verletzten. Sollte ein Klub danach eine dieser Gruppen weiterhin im Stadion agieren lassen, käme es zu den oben angesprochenen Sanktionen.

Den genannten Gruppen und bekannten „Sportgewalttäter“ werden keine Tickets mehr verkauft und zudem wird ein neues Konzept erarbeitet, um die Auswärtsfans sicher ins Stadion und zurück nach Hause zu bringen.

Um die bestehenden Stadionverbote besser umzusetzen und eben den als gewaltbereit eingestuften Personenkreise effektiv/er den Zutritt zu Spielen zu verwehren, sollen neue Drehkreuze in den entsprechenden Bereichen der Arenen, wo diese Gruppen ihren Stammplatz haben, mit Gesichts- und Fingerabdruckerkennung instaliert werden.

Ausserdem wird die LFP einen Gesamtsicherheitsbeauftragten ernennen, der mit den staatlichen Stellen zusammenarbeiten und gegenüber der lokalen Security weisungsbefugt sein wird.

Die Vereine werden verpflichtet einen Sicherheitschef einzustellen, der der Vereinsstruktur angehört, was bis jetzt in vielen Stadien nicht zutrifft.

Die Liga wird weiterhin eine Kommision schaffen, um die Ultra-Szene zu kontrollieren und den Sicherheitskräften diese Ergenisse zugänglich macht.

Abschliessend ist auch eine Zusammenarbeit mit dem Verband der Sportjournalisten angestrebt mit dem Ziel, dass in den Medien mögliche Gewalttaten oder Schmährufe etc. nicht zusätzlich aufgebauscht werden.

Was diese Massnahmen denn nun bringen, kann einfach nur die Praxis zeigen, aber dass die Ultras von heute auf morgen verschwinden, ist mehr als zweifelhaft. Und auf die Kolaboration der Medien zu hoffen, erscheint mir ebenso sinnvoll, wie zu versuchen einen Pfandautomaten „hochzudrücken“, wenn der Bon nach zwei Sekunden noch nicht ausgedruckt wurde.

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